Helene Wagner

Helene Wagner
Stadtarchiv Chemnitz

Helene Wagner ist die bedeutendste Chemnitzer Sozialdemokratin der Weimarer Republik. Sie wurde am 17.6.1870 in Mittweida als Clara Helene Andrä geboren. Als 18-Jährige zog sie nach Chemnitz, wo sie als Hausangestellte arbeitete.[1]

 

Am 25.4.1899 heiratete Helene Andrä den verwitweten Eisendreher Max Wagner. Leibliche Nachkommen hatte sie keine, aber mit der Eheschließung wurde sie Stiefmutter der vier Kinder ihres Mannes (geboren 1887, 1891, 1892 und 1895).[2] Von ihrer Tätigkeit als Näherin in Heimarbeit und den Schwierigkeiten, diese in Einklang mit der Familienarbeit zu bringen, berichtete sie später anschaulich in einer Rede vor dem Sächsischen Landtag.[3]

 

Spätestens 1905 trat Helene Wagner politisch in Erscheinung, als Delegierte auf dem SPD-Reichsparteitag in Jena. Weitere Teilnahmen an Frauenkonferenzen und Parteitagen folgten. 1911 sprach sie bei der Leipziger Veranstaltung zum 1. Internationalen Frauentag vor mehr als 3000 Frauen. Dort verurteilte sie die zunehmende Ausbeutung von Frauen und das Fehlen politischer Mitbestimmungsrechte für sie.[4] In der von Clara Zetkin und später von Marie Juchacz herausgegebenen Zeitschrift „Die Gleichheit“ veröffentlichte die Frauenrechtlerin mehrere Artikel.[5]

 

Folgerichtig strebte sie selbst ein Mandat an, als die Frauen 1918 endlich das Wahlrecht und mit diesem auch das Recht errangen, in die Parlamente gewählt zu werden. Anfang 1919 trat sie – wie einige ihrer männlichen Parteigenossen auch – gleich bei drei Wahlen an: die zur Chemnitzer Stadtverordnetenversammlung, die zur Sächsischen Volkskammer und die zur Nationalversammlung. Während sie in die ersten beiden Parlamente einzog, reichte ihr 7. Listenplatz nicht für ein reichsweites Mandat. Chemnitzer Stadtverordnete blieb sie bis 1920; danach konzentrierte sie sich auf die Arbeit im Landtag, dem sie bis 1926 angehörte. Dort hielt sie am 4. März 1919 als erste weibliche Abgeordnete überhaupt eine Rede.[6]

 

Über das Sprechen in der Öffentlichkeit sagte sie später auf dem Reichsfrauentag der SPD in Görlitz: „Eine ganze Menge unserer Schwestern können sehr gut reden, nur wenn sie für die Bewegung arbeiten sollen, hält es schwer. Die Frauen sollen die Scheu ablegen und sollen nicht glauben, dass sie es nicht fertig bringen. Auch die Männer haben alles erst lernen müssen. Wir Frauen dürfen auch nicht so empfindlich sein, wenn uns die Männer mal anschnauzen. Da muss man sich sagen: Nun gerade erst recht. […] Wenn eine Genossin gesagt hat, wir würden von den Männern unterdrückt, so erwidere ich: Ich habe mich noch nie unterdrückt gefühlt, wir dürfen uns nicht unterdrückt fühlen, sondern sollen mit tätig sein. Wer in der Politik tätig ist, muß kämpfen. Sagen Sie den Frauen, sie sollen mithelfen, auch wenn wir mal angeekelt werden!“[7]

 

Ihre Zeit in der Sächsischen Volkskammer war geprägt von instabilen politischen Mehrheitsverhältnissen und somit großen politischen Turbulenzen. Der 1920 gebildeten Minderheitsregierung von MSPD und USPD unter Tolerierung durch die Kommunisten gelangen zunächst große politische Veränderungen. Bereits am 5. November 1922 kam es aber aufgrund einer auch von den Kommunisten angestrebten Auflösung des Landtages zu Neuwahlen, die die bisherigen instabilen Verhältnisse aber bestätigten. Machtoptionen im linken politischen Spektrum blieben auch in der Folge aufgrund zu vermutender Wahlergebnisse und des Verhaltens der Kommunisten nicht realistisch. Eine daher von der Mehrheit der SPD-Abgeordneten Anfang 1923 befürwortete Koalition mit der DDP, die auf Tolerierung durch die DVP angewiesen war, wurde jedoch von der stark links orientierten sächsischen SPD abgelehnt. Aber auch die stattdessen aus SPD und KPD gebildete Regierung Zeigner scheiterte. Die während der Übergangsregierung Fellisch diskutierte Option einer Koalition mit DDP und DVP führte zu Auseinandersetzungen innerhalb der SPD-Fraktion und schließlich zu ihrer Spaltung. Die Mehrheit der der Abgeordneten, darunter Helene Wagner, entschied sich für eine Unterstützung einer solchen Koalition unter Führung des SPD-Politikers Max Heldt, der am 4. Januar 1924 zum sächsischen Ministerpräsidenten gewählt wurde.

 

Die Mehrheitsfraktion der so genannten „23“ geriet damit in Opposition zur Landespartei. Nach langwierigen Querelen isolierte sie ihr Widerstand gegen eine von der Partei geforderte vorzeitige Auflösung des Landtags vollends. Die Auseinandersetzungen mündeten im April 1926 im Parteiausschluss der betreffenden Abgeordneten. Helene Wagner schloss sich der daraufhin im Juni 1926 von Max Heldt gegründeten Alten Sozialdemokratischen Partei Sachsens an und trat im selben Jahr bei den Landtagswahlen auf einem hinterem Listenplatz erfolglos für die ASP an; auch eine erneute Kandidatur 1929 führte nicht zum Wiedereinzug in die Sächsische Volkskammer. [8]

 

Helene Wagner starb im Alter von 75 Jahren am 21. Dezember 1945 in Chemnitz. [Dr. Stephanie Pietsch]

 

 

Quellen:

– Die Kandidaten für die Landtagswahl. Wahlvorschläge für den Wahlkreis Chemnitz-Zwickau. In: Chemnitzer Tageblatt vom 22. Oktober 1926, S.3.

– Jacobi, Addi: Helene Wagner. In: Stadtstreicher Chemnitz. 2007. Online abrufbar unter: www.chemnitzgeschichte.de [letzter Aufruf: 1.9.2016]

– Protokoll des Reichsfrauentags der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands am 17. und 18. September in Görlitz. 1921. S.67. Online abrufbar unter: library.fes.de/parteitage/pdf/pt-jahr/pt-1921.pdf [letzter Aufruf: 1.9.2016]

– Schmeitzner, Mike/Rudloff, Michael: Geschichte der Sozialdemokratie im Sächsischen Landtag. Darstellung und Dokumentation 1877-1997. Herausgegeben von der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag. Kommunikation Schnell GmbH: Dresden 1997.

– Stadtarchiv Chemnitz, Polizeimeldewesen, V A, 1371; I Wa, Bl. 56, Bl. 193 b und Bl. 253.

– Verhandlungen der Sächsischen Volkskammer im Jahr 1919. Erster Band. Nr. 1-23 umfassend die Sitzungen vom 25. Februar bis mit 7. April 1919. Dresden. Druck von B.G. Teubner. 1919. S.142-144. Online abrufbar unter: landtagsprotokolle.sachsendigital.de/protokolle/ansicht/20062760Z [letzter Aufruf: 1.9.2016]

– Verhandlungen der Sächsischen Volkskammer im Jahr 1919. Zweiter Band. Nr. 24-58 umfassend die Sitzungen vom 8. April bis mit 12. Juli 1919. Dresden. Druck von B.G. Teubner. 1919. S.1229-1231. Online abrufbar unter: landtagsprotokolle.sachsendigital.de/protokolle/ansicht/20086458Z [letzter Aufruf: 1.9.2016]

– Vogel, Lutz: Das parlamentarische Wirken der ersten weiblichen Abgeordneten im Sächsischen Landtag 1919-1933. In: Landtagskurier 4/2007, S. 23. Online abrufbar unter: http://www.schattenblick.de/infopool/geist/history/gglae123.html [letzter Aufruf: 1.9.2016]

– http://leipzig-nordsachsen.dgb.de [letzter Aufruf: 1.9.2016]

 

 

[1] Stadtarchiv Chemnitz, PMW, V A, 1371.

[2] Stadtarchiv Chemnitz, PMW, I Wa, Bl. 56, Bl. 193 b u. Bl. 253.

[3] Gehalten am 26. Mai 1919. In: Verhandlungen der Sächsischen Volkskammer im Jahr 1919. Zweiter Band. Nr. 24-58 umfassend die Sitzungen vom 8. April bis mit 12. Juli 1919. Dresden. Druck von B.G. Teubner. 1919. S.1229-1231. Online abrufbar unter: landtagsprotokolle.sachsendigital.de/protokolle/ansicht/20086458Z [letzter Aufruf: 1.9.2016]

[4] http://leipzig-nordsachsen.dgb.de [letzter Aufruf: 1.9.2016]

[5] Jacobi, Addi: Helene Wagner. In: Stadtstreicher Chemnitz. 2007. Online abrufbar unter: www.chemnitzgeschichte.de [letzter Aufruf: 1.9.2016]

[6] Verhandlungen der Sächsischen Volkskammer im Jahr 1919. Erster Band. Nr. 1-23 umfassend die Sitzungen vom 25. Februar bis mit 7. April 1919. Dresden. Druck von B.G. Teubner. 1919. S.142-144. Online abrufbar unter: landtagsprotokolle.sachsendigital.de/protokolle/ansicht/20062760Z [letzter Aufruf: 1.9.2016]

[7] Protokoll des Reichsfrauentags der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands am 17. und 18. September in Görlitz. 1921. S.67. Online abrufbar unter: library.fes.de/parteitage/pdf/pt-jahr/pt-1921.pdf [letzter Aufruf: 1.9.2016]

[8]  1926 kandidierte Helene Wagner auf dem 14. Platz der ASP-Liste im Wahlkreis Chemnitz Zwickau, 1929 auf dem 9. Platz. Für diese Hinweise dankt die Verfasserin Dr. Lutz Vogel.

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