Der Aufbau der Sozialdemokratischen Partei der DDR in Karl-Marx-Stadt im Herbst 1989

13.10.1989

Podiumsgespräch „Auferstanden aus Ruinen – und wie weiter ?“ in der Johanniskirche und in der Lutherkirche im Anschluß an das erste Gespräch der „Gruppe der 25“ mit Oberbürgermeister Dr. Langer; ein paar junge Zuhörer vor der Lutherkirche – darunter Mitglieder des Arbeitskreises „Offene Kirche“ – kommen ins Gespräch über die bekanntgewordene Initiative zur Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR.

 

17.10.1989

Volkmar Wohlgemuth lädt folgende ihm bekannte Personen in seine Wohnung ein:
Mathias Wagner, Heinz Arnold, Silly Grumm, Kerstin Pannier und Andrea Wagner.

Die Gruppe konstituiert sich als örtliche Initiativgruppe zur Gründung der SDP und beschließt, Kontakt zur zentralen Initiativgruppe in Berlin herzustellen.

 

18.10.1989

Die Gruppe trifft sich in einem Raum im Lukas-Pfarrhaus, Josephinenplatz 8, und bestätigt den Text für einen Brief an die Initiativgruppe zur Gründung einer Sozialdemokratischen Partei in der DDR (über die offizielle Gründung der SDP am 7.10.89 in Schwante waren keine verläßlichen Informationen vorhanden. Grundlage war der Gründungsaufruf vom 24. Juli). Der Brief wird konspirativ von einem Mitglied mit Hilfe eines Bekannten nach Berlin an Angelika Barbe gesandt (unter dem Datum 20.10.). Als Kontaktadressen werden die Adressen von Volkmar Wohlgemuth und Mathias Wagner genannt.
Außerdem werden die Namen aller Mitglieder der Gruppe genannt (siehe 17.10., dazu Roland Richter, René Kischkies und Dieter Häcker, die an diesem Abend neu zu der Gruppe stoßen). An beiden Abenden wird Volkmar Wohlgemuth in auffälliger Weise von mehreren Autos aus beobachtet.

 

23.10.1989

Umformierung der „Gruppe der 25“ in der Johanniskirche (nach dem Ausscheiden von 5 Mitgliedern aus dem Zwickauer Raum). Um einen der frei werdenden Plätze bewirbt sich Volkmar Wohlgemuth ausdrücklich als Vertreter der SDP und wird von der Versammlung auch berufen.

 

27.10.1989

Podiumsgespräche nach dem 2. Gespräch der „Gruppe der 25“ mit dem Oberbürgermeister in der Johanniskirche, der Michaeliskirche Altchemnitz und der Kreuzkirche, auf denen die SDP ihre Konstituierung in Karl-Marx-Stadt öffentlich bekanntgibt (Wohlgemuth, Wagner, Häcker).

 

30.10.1989

Erste Montags-Demo (zuvor freitags, verlegt, um die Konzentration der Sicherheitskräfte auf Leipzig abzubauen) mit Abschlußkundgebung auf dem Markt. Die SDP-Gruppe nimmt mit einem Transparent teil, auf dem die Zulassung der SDP gefordert wird.

 

31.10.1989

Die Gruppe trifft sich ausnahmsweise in der Wohnung von Kerstin Pannier im Beimler-Gebiet, weil ein Unterwanderungsversuch vermutet worden war. Sie erfährt, daß der Brief vom 20.10. bei Angelika Barbe angekommen ist, und daß sie als erste Gruppe der SDP im Bezirk Karl-Marx-Stadt anerkannt sei. Sie konstituiert sich deshalb provisorisch als Bezirksvorstand und wählt Volkmar Wohlgemuth und Roland Richter zu gleichberechtigten Sprechern, Dieter Häcker zum Geschäftsführer, Mathias Wagner zum Protokollanten und Andrea Wagner zur Kassiererin.
Vor der Konstituierung wird Markus Schlimbach in die Gruppe aufgenommen.

Später stellt sich heraus, daß die SPD-Gruppe in Plauen fast zeitgleich Kontakt zu Karl-August Kamilli (Leipzig) hergestellt hatte und deshalb auf dem in Leipzig gedruckten ersten Statut und Programm als Kontaktadresse für den Bezirk Karl-Marx-Stadt genannt wurde. Außerdem hatte ein Mitarbeiter der Stadtmission Kontakt zum Erich-Ollenhauer-Haus in Bonn hergestellt und wurde dort einige Zeit als Kontaktperson geführt.

 

Ende Oktober/Anfang November 1989

Noch vor dem 9. November Kontaktaufnahme zur SPD Düsseldorf.

 

7.11.1989

Erste größere Veranstaltung der SDP im Saal der Evangelischen Studentengemeinde im Lukas- Pfarrhaus. Eingeladen wurden vom provisorischen Bezirksvorstand Personen, die sich im Kontaktbüro der Bürgerinitiativen (Gemeindesaal der Innenstadtgemeinde/Superintendentur Karl-Marx-Stadt I) oder persönlich bei Mitgliedern des provisorischen Bezirksvorstands gemeldet hatten.

Von den ca. 70 Teilnehmern füllten etwa 35 sofort Aufnahmeformulare aus.

Für verschiedene Stadtteile stellten sich Teilnehmer als Kontaktadressen zur Verfügung. Wenige Tage später entstanden zunächst die Ortsgruppen Kaßberg und Sonnenberg. In den nächsten Tagen und Wochen nahmen die Mitglieder des provisorischen Bezirksvorstands Kontakt zu anderen Gruppen im Bezirk auf, als erstes am 11.11. in Schwarzenberg.

 

12.11.1989

Roland Richter nimmt als Gast an einer erweiterten Sitzung des Vorstands der SDP in Berlin teil.

 

14.11.1989

Auf der Leserseite der „Freien Presse“ wird über die Gründung der SDP in Karl-Marx-Stadt berichtet.

 

Mitte November 1989

Bei der Umformierung der „Gruppe der 25“ in die Demokratisch-Oppositionelle Plattform (DOP) ist die SDP durch Volkmar Wohlgemuth und Mathias Wagner vertreten. Beide vertreten die SDP dann auch am Runden Tisch des Bezirks.

 

23.11.1989

Funktionstausch im provisorischen Bezirksvorstand zwischen Mathias Wagner und Dieter Häcker, Rainer Klis und – ein paar Tage später – Johannes Gerlach werden in den provisorischen Bezirksvorstand aufgenommen.

 

9.12.1989

Teilnahme mehrerer Mitglieder des provisorischen Bezirksvorstands am SPD-Unterbezirksparteitag in Düsseldorf.

 

19.12.1989

Gunther Knauthe (Plauen) wird in den provisorischen Bezirksvorstand aufgenommen. Der Kontakt zur SPD Plauen ist damit hergestellt. Beschluß über die Durchführung eines Bezirksparteitags am 10.2.1990 in Chemnitz und zu einer Vorkonferenz am 20.1. Es besteht Kontakt zu 36 Ortsgruppen (z.T. aber doch nur Einzelpersonen) im Bezirk sowie zu 10 Gruppen in der Stadt (z.T. auch nur formal). Es wird über die Bildung eines Stadtvorstands beraten. Wichtiges Hindernis für die Arbeit: Wegen des noch ungeklärten Rechtsstatus der SDP kann kein Geschäftskonto eingerichtet werden.

 

Mitte Dezember 1989

Zusammenkunft mit einer Gruppe des DGB Rheinland-Pfalz in der Johanniskirche.

Teilnehmer:
Dieter Kretzschmar, Landesvorsitzender DGB Rheinland-Pfalz, Ulrich Galle, Landesvorsitzender ÖTV, Klaus Plettenberg, Landesvorsitzender HBV, für die SDP: Mathias Wagner, Dieter Häcker, Demokratischer Aufbruch: Martin Falke, Neues Forum: Gerd Szcepansky, AG Wirtschaft: Stefan Thorand (SDP), Günther Becker und Frau, Rat der Werktätigen Heckert-Werk: Herr Kretzschmer.

Die DGB-Delegation war zu Gast beim FDGB und erhielt von dort nur Kontakt zu den Vereinigten Linken. Erst über Umwege konnte kurzfristig Kontakt zur SDP hergestellt werden, die dann auch die anderen Oppositions-Gruppen einbezog.

 

27.12.1989

Konstituierung des Stadtvorstands. Peter Seifert zum Vorsitzenden gewählt.

 

20.1.1990

Vorkonferenz für den Bezirksparteitag im Filmtheater „Welt-Echo“ (Gablenz). Beschluß über die Bildung der 6 Unterbezirke anstelle von Kreisverbänden: Vogtland, Zwickau, Aue, Chemnitz, Annaberg, Freiberg.

Teilnahme von Vertretern des SPD-Bezirks Niederrhein (u.a. Bezirksgeschäftsführer Franz Huppertz) und erste Materiallieferung von dort

 

10.2.1990

Bezirksparteitag im alten SPD-Haus in der Dresdner Straße 38, das am 8.2. von der SED/PDS wieder an die SPD übergeben wurde.

Wahl des Bezirksvorstands:
Vorsitzender: Volkmar Wohlgemuth
stellvertretende Vorsitzende: Johannes Gerlach, Rüdiger Müller (Plauen)
Beisitzer: Peter Fittig, Dieter Häcker (Schatzmeister), Rainer Klis, Gunther Knauthe, Roland Richter, Markus Schlimbach, Matthias Wagner (Geschäftsführer, alle Chemnitz), Gisela Schwarz (Warmbad), Siegfried Weigel (Crottendorf), Karl-Heinz Becher (Zwönitz), Ralf Strunz (UB Aue), Michael Lersow, Dieter Rudorf (beide Freiberg), Lutz Kätzel (Plauen), Joachim Scheibchen (Markneukirchen), Joachim Richter, Silvio Sonnefeld (beide Zwickau).

An diesem Bezirksparteitag nahm eine Delegation des SPD-Bezirks Niederrhein mit Karin Junker teil. Dabei wurde erneut Büromaterial mitgebracht.

 

21.2.1990

Bezirksparteirat nominiert Kandidaten für Volkskammerwahl am 18.3.: Rolf Schwanitz, Siegfried Weigel, Johannes Gerlach, Christina Fritsch, Alfred Förster, Joachim Richter, Dieter Rudorf. Dorothea Lüdicke war auf Platz 4 gesetzt worden, zog aber dann zurück. Aufgrund des letztlich für die SPD enttäuschenden Wahlergebnisses wurden nur diese sieben Mitglied der letzten DDR-Volkskammer.

 

9. 4.1990

Volkmar Wohlgemuth tritt aufgrund von Unstimmigkeiten in seiner Biographie als Bezirksvorsitzender zurück.

Der Bezirksvorstand beruft Michael Lersow zum amtierenden Vorsitzenden. Dieser wird auf einem Sonderparteitag am 11.5.1990 zum Vorsitzenden gewählt.

[Dieter Häcker]

 

siehe zum selben Thema auch:

Die Gründung der Karl-Marx-Städter SDP 1989 im Spiegel der Stasi-Akten

Lukassaal

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