Lukassaal

Eine kleine Geschichte der SDP-Gründung in Karl-Marx-Stadt

Der nachfolgende Artikel beruht im Wesentlichen auf einem Gespräch mit dem Zeitzeugen Dieter Häcker, der von 1986 bis 1992 Verwaltungsmitarbeiter der Innenstadtgemeinde gewesen ist und in den Wendemonaten bei der Kontaktstelle für die Oppositionsgruppen in Karl-Marx-Stadt gearbeitet hat. Die Innenstadtgemeinde umfasste von 1975 bis 1992 die Gemeinden der Johanniskirche, Jakobikirche und der St. Petri-Lukas-Gemeinde.

In den dramatischen Monaten des Herbstes 1989 haben sich an vielen Orten in der damaligen DDR die Ereignisse überschlagen. Opposition und Widerstand wuchsen und ließen sich von der Staatsgewalt nicht mehr unterdrücken. In Karl-Marx-Stadt demonstrierten 700 Menschen am 7. Oktober, nachdem eine Veranstaltung, auf der Theaterangestellte oppositionelle Texte lesen wollten, verboten worden ist. Die Demonstration wurde gewaltsam aufgelöst. Es kam zu Festnahmen.

Am 9. Oktober gingen in Leipzig mehr als 70.000 Menschen auf die Straße und demonstrierten friedlich. Die Sicherheitskräfte griffen nicht ein – der gewaltlose Verlauf der Demonstration wurde an diesem Abend zum Fanal für die friedliche Revolution.

Auch in Karl-Marx-Stadt lenkte der damalige Oberbürgermeister Dr. Langer nun ein und machte am 10. Oktober gegenüber dem Superintendenten Magirius folgende Zugeständnisse: Der Oberbürgermeister erklärte sich zu einem Gespräch mit den Vertretern der oppositionellen Gruppen bereit. Das erste Gespräch sollte am 13. Oktober stattfinden. Ebenso gab der Oberbürgermeister seine ablehnende Haltung gegenüber der schon seit Wochen von der Innenstadtgemeinde für den gleichen Tag geplanten Veranstaltung „Auferstanden aus Ruinen – und wie weiter?“ auf und war nun damit einverstanden.

Aufgrund des großen Interesses fanden am 13. Oktober zwei Parallelveranstaltungen in der Johanniskirche und Lutherkirche statt, und beide Veranstaltungen wurden spontan am gleichen Abend wegen des großen Andrangs wiederholt. Die Teilnehmer diskutierten die aktuelle politische Lage in der DDR, hörten sich den Bericht der Vertreter über das kurz zuvor durchgeführte Oberbürgermeistergespräch an und beschlossen u.a. spontan, dass in den gemeinsamen Büroräumen auf der Wilhelm-Pieck-Straße 25 (heute Theaterstraße 25) des Pfarramts der Innenstadtgemeinde und der Superintendentur Karl-Marx-Stadt I eine Kontaktstelle für die sich bildenden Bürgerinitiativen und Oppositionsgruppen eingerichtet werden sollte.

Man mag es für einen Wink des Schicksals halten, dass das Büro seit Anfang Oktober über ein neues und leistungsstarkes Rex-Rotary-Vervielfältigungsgerät verfügte. Zwar musste auch hier zunächst mit Schreibmaschine eine Matrize geschrieben werden. Aber das Rex-Rotary-Gerät musste nicht mehr mechanisch mit der Kurbel bedient werden – eine langwierige Tätigkeit, womit man sich auch immer die Finger schmutzig machte. Vielmehr war dieses Gerät jetzt in der Lage, elektrisch und sauber eine große Stückzahl von 1.500 bis 2.000 Kopien herzustellen. Damit wurde die Arbeit in der Kontaktstelle erheblich erleichtert.

Die Mitarbeiter im Pfarramt und in der Superintendentur hatten dennoch in den nächsten Tagen und Wochen alle Hände mit der Organisation und Kommunikation der Bürgerinitiativen und Oppositionsgruppen zu tun und wurden dafür von ihren eigentlichen Arbeitsaufgaben von der Gemeinde freigestellt. Die Revolution duldete keinen Aufschub. Besonders die Vervielfältigung von Schriften – etwa der Gründungsaufruf des Neuen Forums – beanspruchte viel Zeit.

StatutSDPNicht nur im Pfarramt der Innenstadtgemeinde, sondern auch im Lukassaal, wo sich regelmäßig die Studentengemeinde mit dem Studentenpfarrer Vogel traf, fand alsbald die Revolution statt. Bereits am 17. Oktober traf sich eine Gruppe von sechs Personen um Volkmar Wohlgemuth, der damals auch im Arbeitskreis Offene Kirche aktiv war, in einer Privatwohnung, um über die Bildung einer Initiativgruppe der SDP (Sozialdemokratische Partei in der DDR) in Karl-Marx-Stadt zu beraten. Die Gründung der Regionalgruppe geschah 10 Tage nach der historischen Gründungsversammlung der SDP in Schwante/Brandenburg. Am Folgeabend kamen bereits bis zu neun Personen im Lukassaal zusammen, u.a. auch Dieter Häcker. Es wurde über die Vermittlung von Kontakten zu anderen SDP-Gruppen in der Region sowie über die konspirative Versendung eines Briefs zu Angelika Barbe nach Berlin diskutiert, die an der Gründungsversammlung am 7. Oktober teilgenommen hatte.

In der Folgezeit traf sich die Initiativgruppe regelmäßig bis zu zweimal in der Woche im Lukassaal, um das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Die Gruppenmitglieder nahmen auch an den gemeinsamen Demonstrationen in Karl-Marx-Stadt teil, die seit dem 30. Oktober immer montags stattfanden. An diesem Tag wurde auch ein Transparent entrollt mit der Aufschrift „Wir fordern die Zulassung der SDP“.

Weiterhin entsandte die SDP-Gruppe Delegierte zu den Oberbürgermeistergesprächen, die sich auf mittlerweile 25 Vertreter der Oppositionsgruppen erstreckte. Diese Anzahl gab der Delegation auch ihren Namen: man sprach von der „Gruppe der 25“. Bis zum 11. Dezember fanden fünf Oberbürgermeister-Gespräche statt, bis schließlich der „Runde Tisch“ der Stadt gebildet wurde.

Die Zusammenkünfte der SDP-Gruppe wurden stets – jedenfalls bis Anfang November – von der Staatssicherheit beobachtet. Die Furcht vor dem Zugriff der Staatsgewalt war somit ein ständiger Begleiter. Derartige politische Aktivitäten konnten nämlich jederzeit Verhöre, Verhaftungen oder andere Zwangsmaßnahmen nach sich ziehen. Trotzdem wuchs die Teilnehmerzahl stetig weiter. Bereits am 7. November kamen ca. 70 Interessenten in den Lukassaal, um an der Initiativgruppe mitzuwirken.

Die friedliche Revolution in der DDR bahnte sich ihren Weg. Die Forderungen nach freien Wahlen, Presse-, Meinungs-, Versammlungs- und Reisefreiheit wurden immer lauter. Schnell wuchs die Zahl der Menschen, die für ihre Forderungen auf die Straße gehen. Die neu entstandenen Parteien und politischen Gruppen wurden zu Hoffnungsträgern für diejenigen, die für Reformen in der DDR eintraten. [Jürgen Renz]

siehe zum selben Thema auch:

Der Aufbau der Sozialdemokratischen Partei der DDR in Karl-Marx-Stadt im Herbst 1989

Die Gründung der Karl-Marx-Städter SDP 1989 im Spiegel der Stasi-Akten

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