Moritz Nestler

Moritz Nestler
Foto: SAX Verlag

* 02.08.1886 in Neundorf (bei Wiesenbad

† 10.06.1976 in Camberg (Taunus)

Lehrer seit 1911 in Chemnitz

seit 1919 Mitglied der SPD

Er war ein bedeutender Vertreter der Reformpädagogik in Chemnitz, seit 1930 als Direktor der Diesterwegschule.

 

Auf der Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ musste er wegen seiner langjährigen aktiven SPD-Mitgliedschaft bereits am 18.04.1933 aus dem Dienst scheiden. Erst 1936 fand er wieder Arbeit als kaufmännischer Angestellter in einem Chemnitzer Textilbetrieb.

In der Zeit der Weimarer Republik – wohl schon 1924 – war er Vorsitzender des Bezirksausschusses der Arbeiterwohlfahrt Chemnitz-Erzgebirge. Er war auch Mitglied des SPD-Bezirksvorstands Chemnitz-Erzgebirge. Von Juli 1931 bis Dezember 1932 war er Stadtverordneter. Seit 1943 gehörte er zu einer kleinen sozialdemokratischen Gruppe, deren Mitglieder überwiegend Weggefährten bis 1949 blieben.

Nach dem Attentat auf Hitler vom 20.07.1944 war er als ehemaliger SPD-Stadtverordneter ebenfalls kurzzeitig inhaftiert. Er gehörte zu den Teilnehmern jener Versammlung am 10.05.1945, auf der die SPD in Chemnitz wiederbelebt wurde. In den folgenden Monaten gehörte zu den wichtigsten Gegnern der Zwangsvereinigung in Chemnitz, ging aber im April 1946 doch mit in die SED.

Am 15.05.1945 wurde Nestler als Schulrat in Chemnitz eingesetzt. In seiner Amtszeit bis 1948 versuchte er, an die Reformpädagogik aus der Zeit der Weimarer Republik anzuknüpfen. Zum 01.05.1948 wurde er wegen „staatspolitischer Unzuverlässigkeit“ entlassen, am 15.05.1948 wurde er aus der SED ausgeschlossen. Danach fand er keinerlei Arbeit mehr.

Er traf sich aufs Neue mit seinen Weggefährten von 1943 sowie der kurzen Zeit der SPD 1945/46: Alfred Langguth, Carl Rudolph, Karl Eger, Gerhard Kaderschafka, Kurt König und Fritz Uhlmann. Die Gruppe hatte Kontakt zum Ostbüro der SPD gesucht.

Am 18./19.02.1949 wurden Nestler und die anderen Mitglieder der Gruppe verhaftet und am 22./23.06. vom Sowjetischen Militärtribunal in Dresden wegen Spionage zu je 25 Jahren Zuchthaus verurteilt (Langguth ursprünglich sogar zum Tode). Alle kamen in das Speziallager 3 Bautzen. Nestler gehörte zu den Autoren jenes Briefes aus Bautzen vom 06.04.1950, in dem die dramatischen Zustände im Zuchthaus Bautzen geschildert wurden und der im Mai auf dem Hamburger SPD-Parteitag von Herbert Wehner verlesen wurde.

Nach Stalins Tod und dem XX.Parteitag der KPdSU beschloss die SED-Führung im Mai 1956 eine Amnestie für politische Häftlinge. Auf dieser Grundlage wurde Nestler am 01.06.1956 aus dem Zuchthaus Bautzen entlassen und konnte einen Tag später in die Bundesrepublik ausreisen. Politisch wirksam konnte er aber nicht mehr werden. 1999 wurde er auf Antrag des Parteivorstands der SPD von der Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert. [Dieter Häcker]

Literatur:
Andreas Pehnke: „Vollkommen zu isolieren!“ Der Chemnitzer Schulreformer Moritz Nestler (1886-1976). Sax Verlag: Beucha 2006.

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