Volkshaus „Colosseum“

Volkshaus 1925
Volkshaus 1925 [Foto: Verlag Heimatland Sachsen]
Am Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die organisierte Arbeiterschaft einen immer größeren Zulauf. Zählten die Chemnitzer Gewerkschaften im Jahr 1896 noch knapp 3.500 Mitglieder, waren es 1911 über 40.000. In einem ähnlichen Verhältnis wuchs die Mitgliedschaft in der Chemnitzer SPD. Im Jahr 1903 zählte die damals noch junge Sozialdemokratische Bewegung in Chemnitz etwa 1.300 Mitglieder. Sie stieg bis zum Jahr 1912 auf über 14.000.

Um die Saalnot für die oft unerwünschten und geschmähten Sozialdemokraten zu überwinden, setzte der Chemnitzer Parteivorstand zu Beginn des Jahrhunderts ein Komitee ein, welches Lokale auswählen sollte, um diese für Parteiversammlungen zu binden. Auf ihrer Suche blieb dieses Komitee aber erfolglos und so gründeten die Chemnitzer mit 30.000 Mark am 30. Mai 1902 eine eingetragene Genossenschaft mit dem Namen „Verein Volkshaus für Chemnitz und Umgebung“. Zuerst sollte das „Waldschlößchen“ in Hilbersdorf angekauft werden. Dieser Plan scheiterte aber an allerlei Winkelzügen und Quertreibereien des Vorbesitzers. Am 1. April 1904 wurde dann das Kappler Lokal „Colosseum“, späteres Volkshaus, erworben.

Das Haus an der Zwickauer Straße wurde 1886 für „Herrn Böttcher & Co.“ , dem damaligen Eigentümer der benachbarten Feldschlößchen-Brauerei, erbaut. Nach einer Zwangsversteigerung war es ab 1901 kurzzeitig im Eigentum der „Actien Lagerbierbrauerei Schloß-Chemnitz“. Diese veräußerte das Gebäude dann 1904 an die Volkshaus-Genossenschaft der SPD.

Zum ersten Geschäftsführer bestellten die Sozialdemokraten den Gastwirt und Genosse Wilhelm Exner. Die Erste Parteiversammlung war die „Landeskonferenz der sächsischen Sozialdemokratie 1904“.

Das Haus wurde bis 1909 umfangreich erweitert und beheimatete jetzt neben den Parteibüros ein Arbeitersekretariat. Später auch die Chemnitzer Gewerkschaftsleitungen und Organisationen der Metallarbeiter, Textilarbeiter, Buchbinder und Zimmerer. Die Holzarbeiter, Bauarbeiter und Transportarbeiter blieben in Ihren Büros im Haus der „Volksstimme“, Dresdner Straße.

Bei dem sich zur damaligen Zeit laufend änderndem und kompliziertem Rechtssystem, kann die Rolle des Arbeitersekretariats unter Leitung des SPD Stadtverordneten Robert Straube gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Im Jahr 1912 kamen über 10.000, im Jahr darauf über 11.000 Ratsuchende zur Beratungsstelle ins Volkshaus.

Mit einem weiteren Anbau eines großen Saales mit Konzertgarten, löste die SPD endgültig ihre Lokalfrage. Ebenfalls 1909 wurde unter großen finanziellen Anstrengungen das Altgebäude zu einer Herberge mit 21 Zimmern und 60 Gästebetten umgebaut. Der Umbau kostete die Genossenschaft 78.000 Mark. Damit war das Volkshaus an der Zwickauer Straße nun aber auch das Zentrum des politischen und kulturellen Alltags der Chemnitzer Arbeiterschaft.

VolkshausParteitag1912Im Jahr 1912 fand in Chemnitz der „Parteitag der Deutschen Sozialdemokratie“ statt. Das Volkshaus wurde hier für Tagungen und Abendveranstaltungen genutzt. (Foto)

In den Folgejahren entwickelte sich die Volkshaus-Genossenschaft zu einem beachtlichen Unternehmen. Die Umsätze bei Bewirtung und Übernachtungen stiegen. Bei geforderten Zimmerpreisen von etwa 50 Pfennig war ein rentabler Betrieb aber schwer möglich. Um die Preise trotzdem weiter niedrig halten zu können, halfen Partei und Gewerkschaften immer wieder mit Anleihen und Bürgschaften.

Darüber hinaus half die Ausrichtung von Volksfesten und Bällen, besser zu wirtschaften. Gerade an Wochenenden hatte der hinter dem Volkshaus gelegene Konzertgarten eine Anziehungskraft bis weit über die Stadtgrenzen hinaus. Über mangelnde Feierfreudigkeit der Chemnitzer Arbeiterschaft, so berichten die Quellen, konnte sich der Wirt darum nicht beklagen.

Konzertgarten mit Veranda und Musikpavillon im Jahr 1925
Konzertgarten mit Veranda und Musikpavillon im Jahr 1925

Mit dem Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 begannen schwierige Zeiten. Der hohen Anzahl und der Kreativität der Mitglieder ist es zu verdanken das der Verein das Arbeiterheim über Wasser halten konnte. Um sich vorm drohenden Geldverfall zu schützen, wurde in den Vereinsräumen mit eigens ausgegebenen Gutscheinen und Marken bezahlt. Aber besonders der eingerichteten Volksküche ist es zu verdanken, dass das Haus vom Konkurs verschont blieb.

Im Herbst 1923 hatten sich Teile der Arbeiter, großteils aus Verzweiflung, radikalisiert. In Sachsen bildeten sich „proletarische Hundertschaften“. In Hamburg führte Thälmann einen Aufstand an. In Moskau hatte man die Hoffnung auf einen „Deutschen Oktober“. Die Reichswehr marschierte in Sachsen ein.

Vor diesem Hintergrund fand am 21. Oktober 1923 im Volkshaus eine Konferenz der damaligen sächsischen SPD/KPD Regierung mit Vertretern der Arbeiterschaft statt. „Entweder macht man eine Politik zur Rettung des Kapitalismus“, führte zu dieser Konferenz Fritz Heckert (KPD), damaliger sächsischer Wirtschaftsminister, aus. „Das bedeutet Niederbewertung der Arbeiterklasse, Zertrümmerung aller Arbeiterorganisationen, oder man macht eine Wirtschaftspolitik, die den Bedürfnissen des werktätigen Volkes gerecht wird, das heißt eine Arbeiterpolitik, die zur Beseitigung des Kapitalismus führt.“
In der Folge geriet die Tagung aus den Fugen. Es entbrannte ein Streit zwischen dem sozialdemokratischen und kommunistischen Lager. Die Sozialdemokraten um Karl Böchel setzten sich durch, und die Konferenz sprach sich gegen den von den Kommunisten geforderten sofortigen Generalstreik aus. Dies hatte unmittelbare Konsequenzen für Thälmann in Hamburg und damit Auswirkungen auf die ganze Republik. Die Barrikaden in Hamburg mussten geräumt werden, am 29. Oktober 1923 ordnete Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) die Reichexekution (Absetzung) des sächsischen Ministerpräsidenten Erich Zeigner, ebenfalls SPD, an. Die Ministerien in Dresden wurden besetzt und die Regierung von SPD und KPD abgesetzt.

In den folgenden Jahren wurde das Haus in mehreren Etappen modernisiert. Heizung, Lüftung, Bierkeller und Konzertgarten wurden erneuert und ausgebaut. Im gesamten Haus gab es jetzt elektrisches Licht. Im Garten entstand ein Spielplatz. Die wirtschaftliche Lage des Hauses begann sich ab 1927 wieder zu verbessern.

Mit der Machtübernahme durch die Nazis im Jahr 1933 wurde das Volkshaus von SA-Trupps besetzt und geplündert. Das kulturelle und politische Leben im Volkshaus war zerstört. Die Vermögenswerte, das Mobiliar und das Grundstück wurden beschlagnahmt. Den Verein „Volkshaus Chemnitz und Umgebung eGmbH“ lösten die Nazis am 24. Januar 1934 auf, letzter Geschäftsführer war Herr M. Fritsche.

Nach dem Krieg wurde es in sogenanntes Volkseigentum überführt und von der Einheitsgewerkschaft FDGB und dem DDR Jugendverband FDJ unter dem Namen Klub der Jugend und Sportler „Fritz Heckert“ betrieben. Der Beliebtheit des Treffpunktes tat das keinen Abbruch, der Name „Volkshaus“ blieb im Sprachgebrauch erhalten.

Nach der „friedlichen Revolution“ 1989 übernahm die Chemnitzer Stadtverwaltung die Einrichtung. Im Jahr 1990 zogen Schulverwaltungsamt und mehrere Vereine ein. Von 1999 bis Ende 2002 übernahm der bereits im Haus ansässige „Kraftwerk e.V.“ die Bewirtschaftung allein. Das neue „Haus Einheit“ erlangte schnell eine überregionale Bedeutung als soziokulturelle Einrichtung und Treffpunkt für Vereine. Vor allem Kinder- und Jungendarbeit wurde hier gefördert. Der nochmals modernisierte Festsaal war in den 1990er Jahren die Chemnitzer Adresse für Jugendkonzerte. Hier gaben nach 1990 nationale Stars wie Rosenstolz, Die Ärzte oder Helge Schneider und internationale Künstler wie Kurtis Blow, Anne Clark oder Wu Tang Clan ihr Debüt in Chemnitz.

Das Haus steht seit 2003 leer und wurde in die Liste der Chemnitzer Kulturdenkmäler aufgenommen. Im Jahr 2012 zerstörte ein Brand große Teile des Dachstuhls.

Colosseum, Volkshaus, Klub „Fritz Heckert“, „Haus Einheit“: Diese Namen verdeutlichen die wechselvolle Geschichte eines über Generationen beliebten Chemnitzer Treffpunktes, der mit der Geschichte der Arbeiterbewegung und der Geschichte der Chemnitzer SPD verbunden bleibt. [Jörg Vieweg]

Literatur:
„Vom Klosterdorf zur Industrievorstadt“ Eine Chemnitzer Stadtteilgeschichte…, Verlag Heimatland Sachsen, 1999
„Geschichte der Chemnitzer Arbeiterbewegung“, Ernst Heilmann, 1912
„Das Volkshaus in Chemnitz-Kappel“, Roswitha Elias, 2009
Fotos:
Verlag Heimatland Sachsen und Archiv der sozialen Demokratie (AdsD)

Hinterlasse einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.